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Wenn Sujevan Sivakumar von sich und der RhB erzählt, klingt das fast wie eine Liebesgeschichte: «Als ich Kind war, hatten wir kein Auto, also fuhren wir jeweils mit der RhB. Züge und alles, was dazugehört, haben mich seither immer fasziniert.» So kam es, wie es wohl kommen musste: Sivakumar und die RhB kamen nicht mehr voneinander los.

«Es ist ein Privileg, Einblick in verschiedene Welten zu haben.»
Auch an diesem Samstagmorgen sind die beiden gemeinsam unterwegs. Es ist kurz vor halb neun Uhr, Sivakumar, den seine Freunde Suje nennen, steht am Bahnhof Chur auf dem Perron zwischen Gleis neun und zehn, redet mit seinen Passagieren vor allem auf Englisch, Italienisch, Französisch und manchmal auch auf Deutsch. Er weist Plätze zu, hilft mit dem Gepäck, hievt einen Kinderwagen in den Bernina Express und gibt Auskünfte.
Der Zug zwischen Chur und Tirano ist wie meistens bis auf den letzten Platz ausgebucht. Sivakumar weiss auch warum: «Ich bin diese Strecke unzählige Male gefahren und doch immer von neuem fasziniert. Wenn es schon mir so geht, wie fühlen sich dann erst die Menschen, die zum ersten Mal hier unterwegs sind?» Ein Gang durch den Zug zeigt es: Kaum setzt sich der Bernina Express in Bewegung, beginnen die Menschen zu fotografieren, was Handys und Kameras hergeben. Spätestens ab Thusis, wo die UNESCO Welterbestrecke beginnt, ist es in manchen Panoramawagen beinahe kirchenstill. Fast andächtig staunen die Passagiere in die vorbeiziehende Landschaft hinaus. 

Arbeiten und studieren
Sivakumar hat jetzt ein bisschen Zeit und öffnet einen Spaltbreit die Sicht auf sein Leben und das Schicksal, das er mit vielen Tamilen teilt. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka trieb seine Eltern in die Flucht. Diese endete 1985 in Chur. «Ich wurde vor 22 Jahren hier geboren und bis ich in die Schule kam, sprach ich kaum ein Wort Deutsch», sagt der Mann mit der tiefen Stimme und den dunklen Augen. «Aber als Kind lernst du schnell und ich ging auch gerne in die Schule – meistens wenigstens.» Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierte er die Ausbildung zum Kaufmann mit Schwerpunkt Zugbegleitung, nun studiert Sivakumar Betriebsökonomie und arbeitet im Teilzeitpensum. «Einerseits mache ich das, um mein Studium zu finanzieren, andererseits brauche ich einfach Abwechslung. Ich bin ein Bewegungsmensch und liebe zudem den Kontakt mit ‹meinen› Passagieren. Wenn ich unterwegs bin, ist jeder Tag anders: Andere Menschen, andere Fragen, anderes Wetter, andere Stimmungen. Das gefällt mir.» 

Zwischen den Welten
Zu seinem Job, den er nicht nur auf der Berninastrecke ausführt, gehören Begegnungen mit Dankbaren, Glücklichen, Zufriedenen, aber auch mit Einsamen, Betrunkenen und Billettlosen. Letztere sind manchmal nicht leicht zu handhaben. «Ich höre zu und helfe, wenn ich kann. Und manchmal lasse ich Beleidigungen über mich ergehen. Aber bei der Ausübung dieses Jobs muss man das wegstecken können. Nur wenn es um meine Hautfarbe, um Rassismus geht …». Sivakumars Gesicht verfinstert sich, doch er lässt offen, was das bei ihm auslöst. Er sagt stattdessen: «Wenn ich am Feierabend meine Uniform ausziehe, fällt alles von mir ab. Dann bin ich nicht mehr der Zugführer. Dann bin ich der Suje, der zum Ausgleich ins Krafttraining geht, sich mit Freunden trifft, mit den Eltern den Tempel besucht oder sich aufs Studium konzentriert.» Und sich auch mal von seiner Mutter mit tamilischem Essen verwöhnen lässt. «Ich bin in zwei Welten, in zwei Kulturen daheim», sagt er, der Rösti genauso gut mag wie Thali, ein tamilisches Curry-Gericht. «Ich feiere mit meiner hinduistischen Community die Feiertage, aber auch Weihnachten. Mich interessiert, was hier geschieht und ich will wissen, was in Sri Lanka passiert. Und obwohl ich dort der Schweizer und in der Schweiz der Tamile bin, zerreisst mich das nicht. Im Gegenteil: Es ist doch ein Privileg, Einblick in verschiedene Welten und einen breiten Horizont zu haben.» Die Strecke Chur – Tirano könnte darum nicht symbolischer sein, führt sie doch durch den alemannischen, rhätischen und italienischen Kulturraum.

Gut gemacht
Inzwischen ist der Bernina Express auf der Alp Grüm angekommen: eine Viertelstunde Aufenthalt. Sujevan Sivakumar zeigt auf den Palügletscher, der beängstigend schnell schmilzt und doch immer noch majestätisch wirkt. Handys und Fotoapparate sind im Dauereinsatz. Doch von nun an geht’s bergab. Also nicht (nur) für die Gletscher, sondern für den Bernina Express, der innerhalb einer guten Stunde von der hochalpinen Alp Grüm auf 2 100 Meter ins mediterrane Tirano auf 429 Meter hinunterfährt. Einer jungen Frau aus Frankreich ist das nicht ganz geheuer. Sie will wissen, ob die Zugbremsen auch wirklich intakt sind. Sivakumar beruhigt sie mit seiner herzlichen Art und einer natürlichen Autorität, die man bei einem 22-Jährigen nicht vermuten würde. Dann fährt der Bernina Express in Tirano ein. Wieder hilft der Zugführer seinen Gästen, verabschiedet sich, gibt hier einen Restaurant-Tipp, zeigt dort jemandem, wo der lokale Bus steht, und rennt einem Passagier nach, der die Jacke vergessen hat. Und das warʼs dann. Die Reise ist vorbei. Doch dann kommt die Französin von vorhin, gibt dem Zugführer die Hand, bedankt sich und schenkt ihm ein charmantes Lächeln. Suje äussert sich schmunzelnd dazu: «Wenn so etwas passiert, dann weiss ich, dass ich meinen Job nicht nur gerne, sondern auch gut mache.»


Auszug aus dem Contura Frühling/Sommer 2023, das Magazin der Rhätischen Bahn
Text: Panta Rhei PR AG, Franz Bamert
Bilder: Yannick Andrea


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