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Wer in Graubünden mit dem Zug unterwegs ist, begegnet ihnen immer wieder: Brücken, Tunnel und Viadukte prägen das Bild der Rhätischen Bahn. Für Angelo Berweger sind sie mehr als nur ein Teil der Infrastruktur. Sie erzählen von einer anderen Zeit, von Ingenieurskunst und von Menschen, die vor über hundert Jahren unter schwierigen Bedingungen gebaut haben, damit die Bahn heute noch fahren kann. Genau dieses Zusammenspiel fasziniert ihn.
Seit 2019 ist Berweger bei der RhB und heute als Leiter Brücken dafür verantwortlich, dass sämtliche Kunstbauten sicher bleiben und für die nächsten Generationen erhalten werden. Dabei geht es nicht nur um die Bauwerke selbst, sondern auch um die Sicherheit der Passagiere und Mitarbeitenden, die täglich auf und unter ihnen unterwegs sind.

Breites Interesse - grosses Wissen
Seine Aufgabe umfasst den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks: von der Zustandsuntersuchung über die Planung und Ausführung bis hin zu Betrieb und Unterhalt. Sämtliche Brücken werden regelmässig kontrolliert und alle fünf Jahre wird ihr Zustand umfassend beurteilt. So lässt sich erkennen, welche Bauwerke in den kommenden Jahren erneuert werden müssen.
Bis ein Bauwerk erneuert oder ersetzt wird, ist es allerdings ein langer Weg. Abklärungen, Planung, Finanzierung und Bewilligungen gehören ebenso dazu wie Umwelt- und Denkmalschutz, bahntechnische Anforderungen und Sicherheitsvorschriften. «Um diesen Job ausführen zu können, braucht man ein sehr breites Interesse», sagt Berweger. Man müsse gerne mit Menschen zusammenarbeiten und dürfe sich nicht nur für ein einzelnes Fachgebiet interessieren.
Berweger selbst hat Bauingenieurwesen studiert und lange in einem Ingenieurbüro in Zürich gearbeitet. Sein erster Berührungspunkt mit der RhB war, als er die Erdbebensicherheit sämtlicher Stahlbrücken der Rhätischen Bahn überprüfen durfte. «Das hat mich damals schon extrem begeistert. Ich wusste aber nicht, dass ich bereits ein paar Jahre später bei der Rhätischen Bahn arbeiten würde», so Berweger.

«Ich mag Berge, Brücken und Bahnen. Deshalb war diese Stelle bei der RhB die ideale Kombination für mich.»
«Als Einzelkämpfer kommt man bei der RhB nicht weit.»
Drei Mitarbeitende gehören zu Berwegers Team im Bereich Brücken und Galerien. Gemeinsam kümmern sie sich um die Sicherheit der Brücken im gesamten RhB-Netz. Bei einem grossen Bauprojekt kommen noch viele weitere Menschen dazu: interne Fachdienste, externe Planungsbüros, Bauunternehmen und Spezialisten.
Berweger bezeichnet sich selbst als Teamplayer. Bei der RhB, sagt er, komme man als Einzelkämpfer ohnehin nicht weit. Vertrauen sei dabei entscheidend. Er habe das Glück, auf Mitarbeitende und externe Partner zählen zu können, die selbst Verantwortung übernehmen. So verteile sich die Verantwortung auf mehrere Schultern.

Eine neue Brücke in fünf Jahren
Ein Projekt ist Berweger dabei besonders in Erinnerung geblieben: der Ersatz des Castieler Viadukts. Das Bauwerk wies schwere Schäden auf und musste zunächst provisorisch repariert werden. Gleichzeitig war klar, dass ein Neubau nötig sein würde. Die Lage war anspruchsvoll: Das Viadukt liegt in steilem Gelände, die Spannweite ist mit 84 Metern für die Rhätische Bahn aussergewöhnlich, die Baustelle ist schwer zugänglich und auch die Logistik stellte das Projekt vor grosse Herausforderungen.
Fünf Jahre – so lautete der ehrgeizige Zeitrahmen für den Neubau. Berweger war anfangs skeptisch, ob das überhaupt möglich sei. Doch ziemlich genau fünf Jahre nach der ersten Feststellung des Schadens stand die neue Brücke.
Für ihn war das ein Schlüsselerlebnis. Möglich wurde der enge Zeitplan nur, weil sich alle Beteiligten auf ein gemeinsames Ziel konzentriert hätten. «Bei so einem Projekt braucht es jeden Einzelnen. Ich habe von Anfang an diesen Team-Spirit gespürt.» Dass der Ersatzbau schliesslich mit dem Prix Acier 2026 ausgezeichnet wurde, habe ihn daher besonders berührt.
Bauen, während der Zug weiterfährt
Brückenbau in Graubünden beginnt oft schon mit der Frage, wie man überhaupt zur Baustelle gelangt. Viele Bauwerke liegen in steilen Hängen, weit weg von Strassen. Material und Mitarbeitende müssen deshalb teilweise mit der Bahn zur Baustelle gebracht werden. Was wann gebraucht wird, muss lange im Voraus geplant werden – manchmal wird das Material nachts mit dem Bahndienst oder der Güterbahn transportiert.
Die grösste Herausforderung ist für Berweger jedoch eine andere: das Bauen unter laufendem Bahnbetrieb. Die Züge sollen möglichst ohne Einschränkungen weiterfahren, während direkt daneben oder sogar unter ihnen gearbeitet wird. Dafür kommen unter anderem Hilfsbrücken zum Einsatz, über die der Zug während der Bauarbeiten weiterfahren kann.
Hinzu kommt die historische Bausubstanz. Viele der alten Bauwerke sind bis heute gut erhalten und prägen das Landschaftsbild. Für Berweger liegt gerade darin der Reiz: einmal an einer modernen Konstruktion zu arbeiten, dann wieder an einem alten Stahlfachwerk oder einem Natursteinviadukt. «Das Faszinierende ist die Kombination».

Der Mensch hinter den Brücken
So abwechslungsreich wie die Bauwerke ist auch Berwegers Arbeitsalltag. Mindestens einmal pro Woche ist er auf einer Baustelle. Das ist für ihn einer der schönsten Teile seiner Arbeit: vor Ort zu sehen, wie ein Projekt vorankommt, Erfahrungen für kommende Projekte zu sammeln und gleichzeitig sicherzustellen, dass Qualität und Termine stimmen. Daneben prägen Besprechungen, Planungen und der Austausch mit seinem Team den Alltag.
Auch ausserhalb der Arbeit zieht es ihn in die Natur. Mit seiner neunjährigen Tochter ist er gerne auf dem Velo oder auf den Skiern unterwegs. Beruflich ist er ebenfalls viel unterwegs: Seine Fahrt von Ebnat-Kappel im Toggenburg nach Chur nutzt er, um den Arbeitstag vorzubereiten oder E-Mails zu erledigen. Um trotz des Pendelns genügend Zeit für seine Familie zu finden, arbeitet er Teilzeit.
Was ihn an seiner Arbeit besonders antreibt, ist jedoch der Gedanke, etwas weiterzugeben. Die Brücken, die seine Vorgänger gebaut und erhalten haben, versteht er als Vermächtnis. Nun sieht er es als Aufgabe des Teams, diese Geschichte weiterzuführen und dafür zu sorgen, dass die Bauwerke auch den nächsten Generationen erhalten bleiben. Bilder für diesen Blog-Beitrag: Yanik Bürkli Bild Castieler Viadukt: Bänziger Partner AG

