Ein Zug bringt Menschen von A nach B. So einfach scheint die Sache. Doch warum ist ausgerechnet eine Bahnlinie ein UNESCO Welterbe? Weshalb reisen Menschen aus aller Welt nach Graubünden, um die Rhätische Bahn zu erleben? Und was hat ein Viadukt mit Kultur zu tun? Roman Cathomas, Produktmanager UNESCO Welterbe RhB, beschäftigt sich täglich mit genau diesen Fragen. Ein Gespräch über Bahnkultur, gelebte Geschichte und die Frage, warum die RhB weit mehr ist als eine Bahnstrecke.
Hand aufs Herz: Wer denkt bei UNESCO Welterbe an eine Bahnstrecke? Die meisten Menschen verbinden den Begriff mit historischen Altstädten, berühmten Bauwerken oder spektakulären Naturlandschaften. Vielleicht mit den Pyramiden von Gizeh oder dem Grand Canyon. Aber mit einer Bahn? «Die Frage, wie eine Bahn UNESCO Welterbe sein kann, höre ich ständig», sagt Roman Cathomas und lächelt. Für den Produktmanager UNESCO Welterbe RhB beginnt genau dort die eigentliche Aufgabe. Denn zunächst müsse man verstehen, dass UNESCO Welterbe nicht gleich UNESCO Welterbe ist. «Beim Weltnaturerbe geht es um Naturphänomene, die ohne das Zutun des Menschen entstanden sind. Beim Weltkulturerbe geht es um Kulturdenkmäler.» Und genau dazu gehört die RhB.
«Die Frage, wie eine Bahn UNESCO Welterbe sein kann, höre ich ständig.»

Grundsätzlich könne jedes Denkmal UNESCO Welterbe werden, erklärt Cathomas. Voraussetzung sei jedoch, dass es weltweit einzigartig sei und sich deutlich von vergleichbaren Objekten abhebe. Deshalb sei die Liste so exklusiv. Und deshalb könne eben auch nicht jede Bahn Welterbe sein. Bei der RhB sei es die aussergewöhnliche Ingenieursleistung, die den Ausschlag gegeben habe. Vor über hundert Jahren entstand mitten in einer hochalpinen Landschaft eine Bahnstrecke, die Technik, Architektur und Natur auf eine Weise verbindet, die weltweit ihresgleichen sucht. Viadukte, Tunnel und kühne Streckenführungen zeugen bis heute von einer Pionierleistung, die weit über Graubünden hinaus Bedeutung hat.
«Wenn man versteht, weshalb ein Welterbe erhalten werden soll, dann beginnt man oft auch die Schätze vor der eigenen Haustür mit anderen Augen zu sehen.»
Besonders anschaulich wird es, als Cathomas erklärt, warum Welterbe überhaupt wichtig ist. Statt komplizierter Fachbegriffe greift er zu einem Vergleich, den vermutlich jede und jeder sofort versteht: «Wir sind die Champions League der Kulturdenkmäler.» Dann lacht er kurz und ergänzt: «Aber es gibt keine Champions League ohne Grümpelturniere.» Die UNESCO-Liste zeichne jene Kulturdenkmäler aus, die für die gesamte Menschheit von aussergewöhnlicher Bedeutung seien. Das bedeute jedoch nicht, dass die vielen kleineren Kulturdenkmäler weniger wichtig wären. Im Gegenteil. «Wenn man versteht, weshalb ein Welterbe erhalten werden soll, dann beginnt man oft auch die Schätze vor der eigenen Haustür mit anderen Augen zu sehen.»
Mehr als Gleise, Brücken und Bahnhöfe
Wer glaubt, das Welterbe bestehe einfach aus Brücken, Bahnhöfen und Gleisen, greift für Cathomas zu kurz. Die UNESCO-Auszeichnung umfasst streng genommen zwar nur die historischen Strecken und Bahnanlagen und nicht das Rollmaterial. Doch genau hier beginnt für ihn die eigentliche Bahnkultur. «Eine Bahn ist erst dann vollständig, wenn man auch die Geschichten dazu erzählen kann», sagt er. Für Cathomas entsteht Bahnkultur dort, wo Infrastruktur, Wissen, Erinnerungen und Menschen aufeinandertreffen. Historische Fahrzeuge, Archive, Werkstätten und Generationen von Mitarbeitenden, die ihr Wissen weitergegeben haben, gehören ebenso dazu wie die Bauwerke entlang der Strecke. «All diese Elemente zusammen ergeben ein authentisches und erzählbares Bahnkulturerbe.»

Gerade darin liege eine der grossen Stärken der RhB. Vieles sei bis heute erhalten geblieben: die Bauwerke, die Fahrzeuge, Dokumente und das Wissen dahinter. Dass historische Fahrzeuge bei der RhB nicht einfach im Museum stehen, sondern noch immer unterwegs sind, ist für Cathomas weit mehr als Nostalgie. «Es geht um gelebte Kultur.» Wer einmal mit einer Dampflok gefahren ist oder in einem historischen Wagen gesessen hat, versteht sofort, was er meint. Der Geruch, die Geräusche und die Atmosphäre lassen die Vergangenheit für einen Moment erstaunlich nah erscheinen. Gleichzeitig gehe es darum, das Wissen dahinter zu bewahren. Wie fährt man eine solche Lokomotive? Wie repariert man sie? Wie hält man sie betriebsfähig? «Auch dieses Wissen gehört zum Kulturgut.»
«Wir vergessen manchmal selbst, wie besonders das eigentlich ist.»
Während des Gesprächs kommt Cathomas immer wieder auf einen Gedanken zurück: Viele Bündnerinnen und Bündner seien sich gar nicht bewusst, was sie direkt vor der Haustür haben. «Wir vergessen manchmal selbst, wie besonders das eigentlich ist.» Für die Menschen hier sei die RhB oft Alltag. Für Gäste aus Tokio, London oder New York dagegen nicht. Wer in einer Millionenstadt lebt, für den ist die Fahrt über den Landwasserviadukt oder durch die Bündner Bergwelt nicht blosser Transport, sondern ein Erlebnis. Dabei seien es oft nicht einzelne Bauwerke, die faszinieren. «Alte Brücken gibt es auch anderswo. Aber hier kommt das Gesamtpaket zusammen.» Die Bahn, die Landschaft, die Geschichte und die Kultur verschmelzen zu etwas, das weit über eine gewöhnliche Zugfahrt hinausgeht. Manchmal müsse man die Perspektive nur leicht verändern. «Wer einmal direkt unter einem Viadukt gestanden hat, erlebt etwas völlig anderes, als wenn er darüber fährt.» Plötzlich werde aus einer schönen Aussicht eine Geschichte und aus einer Bahnstrecke ein Kulturdenkmal.
Lebendige Dörfer statt Freilichtmuseen
Und dann sagt Cathomas einen Satz, der vermutlich besser als jede UNESCO-Definition erklärt, worum es ihm eigentlich geht: «Wir möchten lebendige Dörfer und keine Freilichtmuseen.» In diesem Moment wird klar, dass Bahnkultur nichts Vergangenes ist. Sie soll nicht konserviert, eingelagert oder hinter Glas gestellt werden. Sie soll leben. Genau deshalb spricht er immer wieder von drei Aufgaben, die untrennbar zusammengehören: schützen, vermitteln und in Wert setzen. Schützen bedeutet für ihn, das kulturelle Erbe der RhB langfristig zu erhalten. Die historischen Bauwerke, die Strecken, die Fahrzeuge, aber auch das Wissen und die Geschichten dahinter. «Das ist die Grundlage», sagt er. Doch damit allein sei es nicht getan. Ebenso wichtig sei die Vermittlung. Menschen müssten verstehen können, weshalb etwas überhaupt schützenswert ist. Warum ein Viadukt mehr ist als eine Brücke. Warum eine Bahnstrecke Kulturerbe sein kann. Warum historische Fahrzeuge nicht einfach alte Züge sind. Erst wenn diese Zusammenhänge sichtbar werden, entsteht Verständnis für den Wert eines Kulturguts.

Und dann komme der dritte Teil, den Cathomas besonders wichtig findet: die Inwertsetzung. Kulturerbe müsse auch heute noch einen Nutzen und eine Bedeutung für die Menschen haben. Für Gäste, die Graubünden besuchen. Für die Bevölkerung entlang der Strecke. Für die Regionen, die sich weiterentwickeln wollen. «Eine Kirche, die niemand mehr anschauen darf, bringt am Schluss niemandem etwas», sagt er sinngemäss. Genauso wenig helfe es, wenn man Kulturerbe zwar schütze, die Menschen vor Ort aber nichts davon hätten. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich seine Arbeit. Zwischen Schutz und Entwicklung. Zwischen Geschichte und Zukunft. Zwischen den Bedürfnissen der Bevölkerung, den Anforderungen des Welterbes und den Erwartungen der Gäste. Es sei ein ständiger Interessenausgleich, sagt Cathomas. Einer, der nur mit Dialog, gegenseitigem Verständnis und guten Lösungen funktionieren könne. Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung des Welterbes: nicht die Vergangenheit zu bewahren, sondern ihr einen Platz in der Zukunft zu geben.

