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10 Fragen an...

Dr. Kirsten Edelkraut, Geografin / Projektleiterin Umweltprojekte

Bauarbeiten an Tunneln, Brücken und anderen Bauwerken in der wunderschönen Bündner Bergwelt sind anspruchsvoll. Kirsten Edelkraut sorgt dafür, dass dabei die Auswirkungen auf die Natur möglichst gering ausfallen. Auch beim Val Varunatunnel I der RhB.

Johanna Burger, Unternehmenskommunikation, 27. July 2021

1 Sie begleiten Bauprojekte. Was sind Ihre ersten Schritte, wenn jemand mit einem Bauvorhaben auf Sie zukommt?

Zuerst kläre ich ab, was genau das Bauvorhaben ist, wie die Planentwürfe oder die Projektanforderungen aussehen und welche Varianten eines Baus es gibt. Nicht zuletzt kläre ich auch ab, ob sich der Bau – also der Eingriff in die Natur – vermeiden lässt. Ist dem nicht so, starte ich mit Internet- und Datenbankrecherchen.

2 Wie kann man sich diese Recherchen vorstellen? Wonach suchen Sie?

Ich frage beispielsweise den Stand des Wissens vom Datenzentrum der schweizerischen Flora und Fauna ab und informiere mich darüber, ob im betroffenen Raum bereits Meldungen zu seltenen oder schützenswerten Arten eingegangen sind. Des Weiteren schaue ich, ob beispielsweise Inventare oder Anliegen des Gewässerschutzes betroffen sind.

3 Also sind alle Vorabklärungen reine Schreibtischarbeit?

Nein. Nach der Recherchearbeit folgt die Begehung des Gebietes, wo gebaut werden soll. Ich untersuche die Natur und die ökologischen Gegebenheiten. Ich mache eine Lebensraum- und Bodenkartierung und eine Beschreibung der Natur. Zudem werden Bodenproben genommen, um zu prüfen, ob Schadstoffe im Boden vorhanden sind. Allenfalls müsste bei Bauarbeiten der Boden dann mit besonderer Vorsicht gelagert und wiederverwendet oder entsorgt werden.

Bodenkartierung

4 Und im Anschluss machen Sie der Bauherrschaft Vorschriften?

Nicht ganz. Ich formuliere aus all meinen Befunden Massnahmenvorschläge für ein nachhaltiges Bauvorhaben. Diese fliessen dann in das Plangenehmigungsverfahren ein.

5 Können Sie Ihre Arbeit anhand des Beispiels «Val Varunatunnel I» konkretisieren?

Sicher: Bei diesem Tunnel habe ich artenreiche Weidefläche vorgefunden, die aus Sicht Biodiversität sehr wertvoll ist. Zudem gibt es am Rand dieser Fläche, wo eigentlich Tunnelportalsteine hätten gelagert werden sollen, geschützte Orchideenarten. Diese Fläche ist nun umzäunt und wird somit erhalten und geschützt. Zu schützenswerten Tieren habe ich für die Gegend in meiner Internetrecherche vorab keine Informationen gefunden, fand aber vor Ort eine Schlingnatter. Für diese Tiere muss nach der Tunnelerneuerung das Habitat wieder passend hergerichtet werden. Das heisst in diesem konkreten Fall: Wenn alles fertig gebaut ist, müssen Steinstrukturen geschaffen werden, die für die Schlangen frostfreie Rückzugsmöglichkeiten bieten. Bei den Bodenproben zeigte sich, dass der Boden an einigen Stellen belastet ist. Das heisst, dass die Grenzwerte für Schwermetalle an manchen Stellen übertreten werden. Für die Bauarbeiten heisst das, dass dieser Boden separat gelagert und nach dem Bau wieder an derselben Stelle platziert werden muss. Falls bei diesen oder anderen Bauarbeiten Flora und Fauna, wenn auch nur vorübergehend, beeinträchtigt werden, müssen die Bauherren für gleichwertigen Ersatz sorgen.

Absperrung für Orchideen

6 Wie wird festgelegt, was ein «gleichwertiger Ersatz» ist?

In Graubünden ist es so, dass Biotope mit Punkten bewertet werden, also Punkte pro Quadratmeter. Es gilt die Faustregel für deren Monetarisierung: Punkte mal Quadratmeter mal CHF 3.-. Für diesen Wert muss dann etwas für die Natur gemacht werden. Im Fall des Val Varunatunnels I haben wir uns dafür mit dem Förster zusammengetan. Im Gespräch wurde klar: Im Puschlav ist die Verwaldung ein Problem, wertvolle Bodenfläche geht da langsam verloren. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, muss die Bodenfläche entwaldet, entbuscht und ausgeholzt werden. Das Gestrüpp muss weg, Adlerfarn entfernt und Weideland wieder hergestellt werden. So wird sichergestellt, dass an dieser Stelle wieder artenreiche Weidefläche entsteht. Also bezahlt die RhB nun diesen gleichwertigen Ersatz an die Gemeinde, die damit einen Landwirt dafür entschädigt, der die Arbeiten ausführt und mit seinen Tieren für eine angemessene Beweidung sorgt.

7 Wurden neben Ihnen noch andere Stellen in die Massnahmenvorschläge miteinbezogen?

Manchmal ist das der Fall. Beim Val Varunatunnel I kam jetzt aber beispielsweise das Amt für Denkmalpflege nicht zum Einsatz – aber ich habe stellvertretend auf historisches Mauerwerk hingewiesen, das nicht beschädigt werden darf. Mit der Zeit erlangt man Wissen nicht nur im Bereich Flora und Fauna.

8 Welche Aufgaben übernehmen Sie während der Bauphase?

Meine Arbeit beginnt ja weit vor der Bauphase. Wenn diese dann anläuft, bin ich regelmässig vor Ort und schaue, dass alles so umgesetzt wird, wie es bewilligt wurde. Dann kommt es etwas auf die Baustelle und die Mitarbeitenden an. Wenn ich sehe, dass alles glatt läuft und meine Vorschläge konsequent umgesetzt werden, muss ich weniger oft auf Kontrollgänge gehen. Wenn dies nicht der Fall ist, komme ich häufiger vorbei. Zum Schluss der Bauphase werden meine Besuche dann aber in beiden Fällen wieder häufiger.

Auf Baustellen-Kontrolle

9 Sie sind vor und während der Bauphase in ein Projekt eingebunden, in welcher Rolle sehen Sie sich?

Ich sehe mich als Beraterin. Es ist schön, dass ich beraten und nicht befehlen muss, weil ich da noch erklären kann, wieso ich was wie meine. Ich muss selten streiten und helfe der Projektleiterin oder dem Projektleiter, die Naturschutzmassnahmen einzuhalten.

10 Sie arbeiten nicht nur als Projektleiterin, sondern unterrichten auch. Was ist die grösste Herausforderung beim Vermitteln der Fähigkeiten, die man als Leiterin Umweltprojekte braucht?

Vieles ist Zwischenmenschliches. Was schützenswert ist und was nicht, kann einfach gelernt und vermittelt werden. Schwieriger ist es für mich zu lehren, wie man mit bestimmten Situationen umgehen und reagieren soll. Einige Aspekte meines Berufs kann man gar nicht aus einem Buch lernen. Das sind Erfahrungswerte, die ich mir auch erst im Laufe der Jahre angeeignet habe.

Dr. Kirsten Edelkraut