Hinter den Kulissen

Die erste «normale» Kehrtunnel-Erneuerung

Der Val Varunatunnel I ist der erste Kehrtunnel, der mit der «Normalbauweise BA» erneuert wird. Bei einem Augenschein auf der Baustelle wird klar, wie innovativ diese von der RhB entwickelte Bauweise für den Tunnelbau ist.

Johanna Burger, Unternehmenskommunikation, 06. Juli 2021

Es ist ein heisser Sommertag, die Gegend zwischen Cavaglia und Cadera im Puschlav zeigt sich von ihrer schönsten Seite. Grüne Wiesen und Berge soweit das Auge reicht – fast jedenfalls. Denn eine weisse Wand und einige Baumaschinen und Container heben sich vom Rest der Umgebung ab. Bei diesen «Fremdkörpern» handelt es sich um den Umschlagplatz für Baumaterial der Baustelle Val Varuna I. Von hier aus wird über die Schiene mittels Spezialfahrzeugen das Baumaterial bis zur Baustelle am Val Varunatunnel I befördert. Die Strasse wäre dazu zu schmal und würde zu wenig Gewicht aushalten. Oben bei der Baustelle ist für Arbeiten wie etwa die Produktion des Betons schlicht der Platz zu klein. Deshalb also dieser Umschlagplatz hier mitten in der Wiese. Er wird nicht nur für die Baustelle Val Varuna I, sondern für weitere Projekte bis Ende 2033 hier bestehen bleiben.

Vogelperspektive auf die Region beim Val Varunatunnel I. Hier passieren die Züge tagsüber den im Umbau befindlichen Tunnel.

Ruhe vor dem Sturm

Aber sowohl hier auf dem Umschlagplatz als auch weiter oben beim Val Varunatunnel I ist noch alles still. Bauarbeiter sucht man vergeblich, höchstens ein roter RhB-Zug schlängelt sich ab und zu durch die Gegend und den Tunnel. Seltsam? Nein, denn gerade das ist Teil der «Normalbauweise Tunnel», die die Rhätische Bahn entwickelt hat. Bei diesem innovativen, standardisierten Erneuerungsverfahren bei Tunneln werden das Gleis abgesenkt, der Tunnelquerschnitt vergrössert, eine neue Entwässerung erstellt, Wände eingesetzt und die Portale neu erstellt – und das alles Stück für Stück, jeweils in der Nacht. Während des Tages können dann die Züge durch den Tunnel fahren – sogar mit ganz normaler oder allenfalls leicht angepasster Fahrgeschwindigkeit.

In anderen Tunneln, wie hier im Mistailtunnel, werden Fertigelemente angebracht. Beim Val Varunatunnel I braucht es Spritzbeton.

Neuheit am Val Varunatunnel I

Bei der bisherigen «Normalbauweise Tunnel» wurden die Wände durch Fertigelemente (genannt Tübbinge) gebildet. Das geht beim Val Varunatunnel I nicht, denn hierbei handelt es sich um einen Kehrtunnel: Der 148 Meter lange Tunnel verläuft zwecks Höhengewinnung auf kleinem Raum in einer Kurve und hat eine Steigung von 70 Promille. Das macht den Einbau von Fertigwandelementen unmöglich, weil in der Nacht bei gesperrtem Gleis mit Dieseltraktion die notwendige Menge an Tübbinge nicht auf die Baustelle geliefert werden kann. Daher wird der Tunnel beim Val Varuna I zum ersten Mal im Rahmen der «Normalbauweise Tunnel» mit einer Innenschale aus Spritzbeton versehen. Diese Methode wird nicht nur am Bernina angewendet, sondern soll auch auf dem Abschnitt Chur – Arosa zum Einsatz kommen. Daher wurde diese auch Normalbauweise BA (für Bernina und Arosa) getauft.

Im Dunkeln wir es laut

Nun dämmert es langsam und der letzte Zug passiert für heute den Val Varunatunnel I. Jetzt geht plötzlich alles ganz schnell: Kaum ist das Gleis offiziell gesperrt, ist es aus mit der ruhigen Idylle. Bauarbeiter kommen mit grossen Maschinen, die Fahrleitung im Tunnel wird für das Stück, das heute Nacht abgespitzt werden soll, heruntergenommen und schon steht da ein riesiger Bagger mit Abbauhammer bereit und bricht lautstark grosse Teile des Tunnelinneren im Schutze des Rohrschirms ab. Bis sechs Uhr morgens haben die fleissigen Arbeiter nun Zeit, um den Tunnel breiter zu machen, die Wände mit Stahlbogen abzustützen und eine Spritzbetonsicherung anzubringen, bevor der erste Zug des Tages durch den dann schon etwas neueren Tunnel fahren wird. So wird der 1910 erbaute Tunnel bis 2023 und für ca. 20,8 Mio. Schweizer Franken Stück für Stück erneuert und den heutigen Anforderungen gerecht angepasst – und ganz Nebenbei wird (rhätische) Bahngeschichte geschrieben, durch die innovative Erneuerungsart «Normalbauweise BA».

Der Bagger mit Abbauhammer spitzt die Tunnelwand im Val Varunatunnel I ab.

6 Kommentare

Herbert Graf 07.07.2021

Warum wird der Val Varunatunnel Kehrtunnel genannt? Ich dachte immer ein Kehrtunnel beschreibt eine ganze 360 Grad Drehung wie z.B. am Albula oberhalb Filisur und Muot.

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Reply Uwe Bodenstein 07.07.2021

Der Kehrtunnel wird im Rahmen einer 180 Grad Kurve eingesetzt, da da die Fahrtrichtung des Zuges um-„gekehrt“ wird. Bei 360 Grad handelt es sich um einen Kreistunnel (analog Kreisviadukt)

Walter Völklein 07.07.2021

Wieder mal eine innovative Lösung der RhB die Welterbestrecke zu erhalten! Die inzwischen weit fortgeschrittene Renovierung der Viadukte konnten wir bei der Baustellenbesichtigung unter Leitung von Herrn Baumann eindrücklich bestaunen. Macht weiter so! Gruß vom Bodensee Walter Völklein

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Reply Admin Profile Rhätische Bahn (RhB) 07.07.2021

Lieber Walter, vielen Dank für deinen Kommentar und dein Kompliment. Das freut uns sehr.

Andreas Franz 06.07.2021

Vorbildlich. Die RhB schafft es ohne Beeinträtigung des Zugverkehrs über 100 Jahre alte Tunnel für die nächsten 100 Jahr sicher zu machen. Anerkennung und großes Lob aus dem Hamburger Umland

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Reply Admin Profile Rhätische Bahn (RhB) 07.07.2021

Lieber Andreas, vielen Dank für deinen Kommentar! Freut uns, dass du den Artikel gerne gelesen hast.

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