Hinter den Kulissen

Der letzte Weg der Lokomotive 628

Eine Lok erzählt aus ihrem Leben und warum nun Abschied genommen werden muss.

Ivo Hutter, Leiter Rollmaterial, 12. Oktober 2019

Allegra, allerseits! Darf ich mich kurz vorstellen?

Ich bin die Lok 628 der RhB. Geboren am 30. August 1984 wurde ich auf den Namen «S-chanf» getauft. Ich gehöre zur grossen Familie der Ge4/4II und habe noch 22 Geschwister. Meine Aufgabe war es, Personen und Güter durch den gesamten Kanton Graubünden zu transportieren. In meinem Leben habe ich 4 261 375 km zurück gelegt, diente als Werbeträger für FAIRTIQ und habe vielerlei erlebt!

Am 14. Mai 2019 hatte ich aber grosses Pech: in der Rheinschlucht bin ich auf einen auf dem Gleis liegenden Felsbrocken aufgefahren und in der Folge entgleist. Zum Glück kamen keine Personen zu Schaden. Ich jedoch zog mir erhebliche Verletzungen zu (Drehgestelle, Front- und Seitenwände, Grundrahmen, diverse Apparate). Am schlimmsten war jedoch, dass sich mein Grundrahmen stark verzogen hat. Aufgrund dieser schweren Verletzungen entschied sich die RhB-Familie, dass eine «Notoperation» nicht durchgeführt werden sollte.

Tröstlich ist, dass in der Zwischenzeit meine «Organe» entnommen werden konnten und nun meinen Geschwistern zur Verfügung stehen. 

Nun habe ich meine letzte Reise angetreten und werde auf dem Recyclinghof entsorgt.

2 Kommentare

Andreas Wieseler 01.11.2019

Salü miteinander, in unserer hochtechnisierten, schnelllebigen und sprachlich so arm gewordenen Welt, ist die Geschichte einer Lokomotive, für mich persönlich, sehr ansprechend! Warum nicht, wenn auch nur für einen kleinen Moment, zurückgehen in die Zeit, in der liebevoll erzählte Geschichten einen jeden zu fesseln vermochten. Nun mag ich, als leidenschaftlichere Modelleisenbahner und großer „Anhänger“ der Rhätischen Bahn, ohnehin eine besondere Beziehung zu den Fahrzeugen dieser Bahngesellschaft haben und ich möchte offen gestehen, dass mich das Schicksal der „628 S-Chanf“, berührt hat. Die Erzählform mag ihren Teil dazu beigetragen haben. Andreas Wieseler

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Thomas Frei 16.10.2019

Ehrlich gesagt hat mich der offizielle RhB Blog zum Unfall der 628 beinahe zum Kotzen gebracht. Pardon: Um es mit den Worten der RhB zu sagen, müsste ich jetzt natürlich vom "Ableben der schwer verletzten Lok 628 ohne Chance auf eine Notoperation" schreiben... Solche eine Wortwahl finde ich schon äusserst fraglich !!! Wir reden hier von einer Lok, die einen Unfall hatte und der Schaden am Grundrahmen für die RhB ein zu grosses Problem darstellte. Ob der Rahmen wieder hätte justiert werden können oder nicht, ist nicht mein Fachgebiet. Darüber kann ich nicht urteilen. Aber so auf emotionale Seite zu wechseln, hilft natürlich schon, der grundsätzlichen Weg-Werf-Mentalität freien Weg zu verschaffen. Berichte von früheren Zeiten über massivste Lokbeschädigungen inkl. Rahmenschäden wurden damals nicht in Machbarkeit, sondern nur Zeiteinheit - ab wann die Lok wieder zum Einsatz kam - angegeben.... Bitte RhB: Wir brauchen keine Beerdigungen mit Operationsberichten, Leidzirkularen und Blumenkränzen. Ihr macht euren Job sonst super und ich bin ein grosser Befürworter der Philosophie von Herrn Renato Fasciati. Bleibt bitte dabei. Beste Grüsse Thomas Frei, Inhaber der Praxis Präventa Gesundheitsmanagement

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