Erlebnisse

Bahnparadies Bernina - ein Reisebericht eines Fahrgastes

Noch bevor der Bundesrat von touristischen Reisen abgeraten hat, machte Dr. Wolfram Köhler einen Ausflug nach Tirano. In diesem Blogbeitrag nimmt er uns mit auf seine wundersame Reise durchs «Bahnparadies Bernina».

Dr. Wolfram Köhler, Fahrgast, 12. Mai 2020

Von Eis und Schnee zu Sonne und Palmen

Pünktlich setzt sich der knallrote Zug in Bewegung. In gut zwei Stunden aus dem winterlichen Engadin, über die Eiswelten des Berninapasses, in den sonnigen Süden - auf einen Espresso in einem Strassencafé von Tirano. 

Beim Einstieg in die Rhätische Bahn in Pontresina gegen zehn Uhr ist die Kälte mit minus 15 °C noch erträglich. Im warmen und gemütlichen Abteil geht es auf Tuchfühlung mit der alpinen Kältewüste draussen. Der rote Zug bewegt sich durch traumhafte Winterlandschaften. Da empfiehlt sich ein Panoramawagen mit Aussicht auch nach oben. Wenn weder Nebel noch Wolken die Sicht behindern, erscheint der Himmel zum Greifen nah. Schneebedeckte Berge und verschneite Dörfer im Tal ziehen vorüber.

Die Bergwelt

Fotostress

Die Geschwindigkeit bei dieser Genussfahrt hält sich zum Glück in Grenzen: Der Weg ist das Ziel. Einige Fahrgäste kleben förmlich am Fenster, um ja kein Motiv zu verpassen: Zackige weisse Bergspitzen, Tannen mit einer gigantischen Schneelast, schneebedeckte Seen oder Gletscher und unter blauem Himmel versammelte Schönwetterwolken. Eine Rechtskurve gibt den Blick auf die Lok frei - schnell fotografieren, sonst ist sie weg, verschwunden in einer Linkskurve.

Zwischenstation Poschiavo

Bereitwillig beantwortet der Zugbegleiter neugierige Fragen: «Welcher Ort lohnt sich für einen Zwischenhalt?» «Poschiavo», er hält inne, «Steinböcke, da oben!»

Tunnel-Durchfahrten lassen die tolle Aussicht nur kurz verschwinden. Spektakuläre Kunstbauten, Brücken, Lawinengalerien und Tunnels wetteifern mit der Landschaft um die Begeisterung der Fahrgäste. Überwunden werden eine Wetter-, Kultur-, Sprachgrenze und eine Wasserscheide zwischen Adria und Schwarzem Meer. Einsame Schneeschuhgänger kommen wie Polarforscher daher, kämpfen stoisch gegen tiefen Schnee, Nebel und Wind.

Der Gipfelpunkt der Strecke, 2 253 Meter über Meer, ist Ospizio Bernina. Warum nicht hier aussteigen und in die sibirische Welt aus Nebelschwaden über endlosen Schneefeldern eintauchen? Dann mit dem nächsten Zug weiterfahren. Abwärts, über 1 800 Meter über Meer abwärts, vom Alpinum ins Mediterraneum mit Palmen, Weinbergen und Sonne. Vom Winter direkt in den Frühling des italienischen Veltlins.

Doch die Wahl ist auf Poschiavo gefallen, mit 1 014 Meter über Meer auf halber Höhe. Kirchen, Palazzi, Piazze und Museen rechtfertigen die Unterbrechung. Wenn die Zeit für einen Dorfrundgang mit Einkehr nicht ausreichen sollte: Der nächste Zug kommt bestimmt!

Technik, die begeistert

Die Bauweise in der Region verwendet anstehenden Granit und Gneis. Das ist romanischer Tradition und der Verfügbarkeit des Baumaterials geschuldet. Auch die Meisterleistungen der technischen Bauten sind aus diesem regionalen Naturstein wie für Zeit und Ewigkeit errichtet. Sie verbinden harmonisch, wie ein einendes Band, Natur- und Kulturraum.

Der Blick hinaus lässt die spannende Geologie dieses Dachtraufs der Alpen erahnen. Zackige Bergspitzen, Seen und Wasserfälle sind die stummen Zeugen einer wilden erdgeschichtlichen Vergangenheit. Auf dem Weg abwärts lösen Felsengrau und Tannengrün die Schneedecke ab, die zum weissen Flickenteppich wird, um schliesslich ganz zu verschwinden und den Blick auf Rebterrassen und Gärten freizugeben. 

Das Gefälle erfordert einen verlängerten Streckenverlauf mit Kurven und Serpentinen, um eine Steigung von 7 % nicht zu überschreiten. Quietschende Bremsen begleiten die Fahrt und sorgen für Gänsehaut. Höhepunkt der Steilstrecke ist der Kreisviadukt von Brusio. Der Zug befährt einen Kreis, um eine grosse Höhendifferenz auf eine lange Strecke zu verteilen.

Blick aus dem Zugfenster

Endlich Süden!

Bisweilen scheint sich der Zug einen Wettlauf mit den Autos auf der Strasse zu liefern. Die Bahn hat jedoch keine Chance. Nur die rote Ampel vor einer Kreuzung mit der Schiene bremst den Konkurrenten auf vier Rädern aus. Bei der Durchfahrt durch den Zielort Tirano kommen die Häuser sehr nahe. Einmalig! 

Die Altstadt am Fluss Adda zeigt den Charme des Zerfalls einer Stadt.

Der Weg ist das Ziel

Die starke rote Farbe der Rhätischen Bahn sticht aus der weissen Winterlandschaft heraus. Wenn dichter Nebel über dem blendenden Schneeweiss liegt, wird die Stille sichtbar! 

Die nächste Berninafahrt ist in Gedanken schon gebucht, im Sommer, wenn andere Farben und Impressionen berauschen: grüne Matten, blaue Seen, Bergbauern bei der Arbeit. Oder, wenn bunte Herbstfarben locken? Vielleicht im Frühjahr, wenn der Übergang von Eis und Schnee in den sonnigen Süden heftiger als im Winter ist? 

Mit dem Erlebnis Eisenbahn gewinnt der Reisende einen anderen Blick auf Land und Leute als zu Fuss, mit dem Fahrrad oder Auto, denn Tempo, Blickwinkel und Eindrücke sind ganz andere.

1 Kommentare

Steffen Dr. König 13.05.2020

St.Moritz - Tirano - St.Moritz ist zu jeder Zeit eine Reise wert!!!

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