Hinter den Kulissen

Ausnahmezustand am Bahnhof Stugl/Stuls

Stuls Bahnhof. Ein beschaulicher Ort zwischen Filisur und Bergün. Hier halten schon lange keine Züge mehr. Ab und zu ziehen ein paar Wanderer vorbei. Absolute Idylle in den Bündner Bergen. Normalerweise. Aber nicht am 8. September 2014.

Florian Ambauen, Spezialist Kommunikation, 12. November 2019

Aber ganz von vorne: Es ist Monate vorher als bei der RhB eine Anfrage für Filmaufnahmen eintrifft. Heidi, die weltbekannte Geschichte von Johanna Spyri, soll neu verfilmt werden. Gesucht wird ein historischer Zug mit Dampflok. Und ein passender Ort, wo Heidi in den Zug einsteigen und davonfahren kann.

Das tönt machbar. Und wo sonst als in Graubünden bei der RhB sollte diese Szene denn gedreht werden?

Die ersten Abklärungen starten. Die Komposition des Extrazuges und die Drehorte werden bestimmt. Auch der Drehtermin wird festgelegt. Dann geht es um die «Kleinigkeiten». Und die haben es in sich:

Die historischen Wagen müssen vor dem Dreh noch älter gemacht werden als sie bereits sind. Die Dampflok darf während dem Dreh nicht dampfen. Die Drehorte müssen in eine andere Zeit zurückversetzt werden. Und wer den Bahnhof Stuls kennt, fragt sich zu Recht, wieso dass dies überhaupt noch nötig ist. Aber der Teufel liegt im Detail. Nämlich vor allem bei den Fahrleitungen.

Fahrleitungen gab es damals als Heidi «lebte» noch nicht. Deshalb dürfen diese im Film auch nicht zu sehen sein. In Stuls werden deshalb alle Fahrleitungsmasten, die im Bild sein könnten, mit Holz ummantelt. Das erleichtert die nachträgliche Retusche am Computer. Und genau dies ist auch der Grund, weshalb die Dampflok während des Drehs nicht dampfen soll. Denn je mehr Dampf auf den Aufnahmen zu sehen ist, desto teurer wird die nachträgliche Entfernung der Fahrleitungen am Computer. Da ist es deutlich billiger, den Dampf einfach am Computer hinzuzufügen. Deshalb muss ich hier auch alle enttäuschen, die dachten, dass der Dampf im Film echt ist. Ist er definitiv nicht.

Aber jetzt zum eigentlichen Dreh: Es ist Sonntagabend als die sogenannten «Dresser» des Filmteams in den Werkstätten Landquart eintreffen. Die Dampflok wird bereits eingeheizt, die historischen Wagen stehen richtig formiert bereit. Die «Dresser» beginnen mit ihren Arbeiten. Mit einer Patina, einer künstlichen Oberfläche, lassen sie das historische Rollmaterial auf einer Seite noch älter aussehen als es bereits ist. Bis kurz vor fünf Uhr morgens dauert das Prozedere. Dann startet der Extrazug seine Reise in Richtung Stuls. Der Drehtag beginnt.

Am Bahnhof Stuls herrscht bereits reger Betrieb als der Zug um halb zehn Uhr einfährt. Filmteam, Komparsen und einige RhB-Mitarbeitende machen den ansonsten beschaulichen Ort zu einem Filmset mit 100 Personen. Noch schnell Sicherheitswesten verteilen, die fünf Meter langen Kameraschienen aus dem Extrazug auslanden, umrangieren und los gehts. Keine Sekunde wird verschenkt, zu eng ist der Zeitplan.

Walter vom Bahndienst der RhB erhält ein Funkgerät des Filmteams. Die direkte Verbindung zur Aufnahmeleitung ist damit hergestellt. Von nun an werden die Lokführer und das Team vom Bahndienst auf Trab gehalten: «Walter, wir brauchen den Zug zwei Meter weiter vorne». «Walter, wir müssen die Szene nochmals drehen. Wann kann der Zug wieder aus dem Bahnhof fahren?». «Walter, weshalb hat die Dampflok so stark gedampft? Wir brauchen die Aufnahme ohne Dampf.»

Bei schönstem Wetter vergeht Stunde um Stunde bis alle Szenen im Kasten sind. Selbst dutzende Meter vom Filmset entfernt, erntet man während den Aufnahmen für ein geflüstertes Wort ein energisches «Pssst». Alles soll perfekt sein. Und was nicht passt, wird passend gemacht. «Keine Sorge, das bauen wir wieder auf», heisst es dann.

Es ist kurz nach 16 Uhr als in Stuls die letzte Klappe fällt. Es wird hektisch. In fünfzehn Minuten muss der Extrazug beladen und abfahrbereit sein. Jetzt den Überblick zu behalten ist kaum möglich. Jeder schnappt sich, was er gerade in die Finger bekommt. Der einsetzende Platzregen ist dabei nicht sehr hilfreich. Irgendwie gelingt es trotzdem. Material und Filmteam sind rechtzeitig im Zug.

Noch ist aber nicht Feierabend. Zwanzig Minuten später und wieder bei Sonnenschein beginnt in Bergün auf Gleis 1 der Aufbau für die Innenaufnahmen. Vor einer grünen Wand wird im stehenden Wagen gedreht. Das Filmteam kommt gut voran und kann auch die für später geplante Fahrszene zwischen Bergün und Preda bereits im Stand drehen. Ein guter Entscheid, wie sich zeigen sollte. Denn als der Extrazug um 19 Uhr den Bahnhof Bergün in Richtung Samedan verlässt, ist es für Filmaufnahmen bereits zu dunkel.

 

Es folgen ein Zwischenstopp in Muot und eine eindrückliche Fahrt über die Albulaviadukte. Heidi spielt jetzt nur noch eine Nebenrolle. Jetzt sind alle Mitglieder des Filmteams plötzlich Kameramänner oder –frauen. Mit den Smartphones werden hunderte private Fotos und Videos der Landschaft gemacht. Ein spezielles Erlebnis für das Filmteam, das jedoch schnell wieder in die Realität zurückgeholt wird: «Alle bereitmachen. Alles Material muss raus. Wir steigen in Preda aus. Drehschluss».

Ein letztes Mal herrscht Aufregung. Dann ist das Filmteam weg. Neben den zwei Lokführern bin ich jetzt die einzige Person im Zug. Ich sitze in einem der historischen Wagen. Das Licht ist ausgeschaltet. Im Dunkeln geht die Fahrt durch den Albulatunnel und weiter bis zum Bahnhof Samedan. Es ist kurz vor 21 Uhr als wir dort eintreffen. Keine Spur von Kameras oder Schauspielern. Dunkel, ruhig und beinahe menschenleer präsentiert sich der Bahnhof. Der komplette Gegensatz zum ganzen Tag.

 

Gut zu wissen

  • So sieht es am Bahnhof Stuls normalerweise aus.
  • Die RhB hat bereits bei der Heidi-Verfilmung im Jahr 1952 mitgewirkt.
  • Der Bahnerlebnisweg Albula führt am Bahnhof Stuls vorbei.

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