Erlebnisse

Alp Grüm - das Ende der Welt

Schon lange freute ich mich auf meine Übernachtung auf der Alp Grüm. Auch freute ich mich auf den Pächter Primo Semadeni und das geplante Interview mit ihm. Denn ich war überzeugt, dass er viele interessante Geschichten erzählen kann. Und dem war auch so.

Tanja Thaler, Fachspezialistin Kommunikation, 15. September 2020

Der Anflug des Herbstes und die Vorzüge der Jahreszeiten

Bei strömendem Regen wurden wir auf der Alp Grüm von Primo Semadeni empfangen. Es roch etwas nach Herbst. Primo begleitete mich in die warme Arvenstube und ich bestellte einen Tee. Draussen sah ich nichts als Nebel. Diesmal leider kein Blick auf den Palügletscher. Ich fragte Primo, wie sich die Natur in den letzten Jahren verändert hat. Man könne regelrecht zuschauen, wie der Gletscher schmilzt. Ausserdem haben die trockenen Perioden Auswirkungen auf die Wasserknappheit (mehr dazu auch in diesem Blog-Artikel). Primo meint jedoch, dass er alle Jahreszeiten auf der Alp Grüm mag. Jede hätte seine Vorzüge. Der Winter ist immer spannend wegen der Schneeschleuder der RhB und man weiss nie, ob es Streckenunterbrüche gibt wegen Lawinen. Im Frühling sieht man, wie die Natur auf der Alp Grüm erwacht und im Sommer läuft sein Albergo Ristorante am besten. Der Herbst bringt dann die vielen Farben und Primo mag die gelben Lärchen. 

Das Albergo Ristorante Alp Grüm bereits in Herbststimmung.

Primo Semadeni - ein bekanntes Gesicht bei der RhB

Primo Semadeni wuchs in Samedan auf und führte dort zehn Jahre lang das Bahnhofbuffet der RhB. Danach zwei Jahre lang das Buffet in Bever und deshalb war er der RhB bestes bekannt. Im Jahr 2006 kam die RhB auf ihn zu und fragte ihn, ob er das Albergo Ristorante Alp Grüm pachten möchte. Primo schaute es sich vor Ort an, denn so richtig kannte er die Alp Grüm gar nicht. Er war lediglich auf einer Schulreise mal da. Die Alp Grüm packte ihn und so startete er im Dezember 2006 als Pächter auf der Alp Grüm. 

Sein Tag sieht so aus, dass er jeden Morgen von Bever auf die Alp Grüm pendelt. Dort kümmert er sich um Bestellungen, das Tagesgeschäft, Abrechnungen, Gästekontrolle, die Kurtaxen und am Mittag hilft er im Service aus. Nachmittags organisiert er die Bestellungen für die Küche, macht Arbeitspläne und beantwortet E-Mails von Gästen. Abends fährt er wieder zurück und schaut meist noch beim Bahnhofbuffet Ospizio Bernina vorbei, welches er auch gepachtet hat. Dann geht es nach Hause nach Bever.

Das Ende der Welt verlangt ein Organisationstalent

Die Abgelegenheit der Alp Grüm verlangt viel Organisation. Da sie nur mit dem Zug erreichbar ist, kann nicht einfach ein LKW mit Essen oder Getränken bestellt werden. Primo bezieht die Getränke und das Fleisch und frisches Brot aus dem Puschlav. Tiefkühlprodukte, Gemüse, Früchte und Milch sowie Betriebsprodukte wie Servietten, etc. bezieht er aus dem Engadin. Diese werden mit dem ersten oder zweiten Zug im Gepäckwagen auf die Alp Grüm transportiert und von Primo von Hand ausgeladen. Leergut kann Primo mit einem Güterwagen zurückschicken.

Die Rettungsflugwacht zu Gast auf der Alp Grüm

Als ich Primo nach seinem schönsten oder speziellsten Erlebnis mit seinen Gästen fragte, musste er schmunzeln. Er hat so viel zu erzählen. 

Kürzlich verpasste ein Reiseleiter den Bernina Express. Seine Gruppe befand sich im Zug, der Reiseleiter schaffte es aber nicht mehr, einzusteigen. So kam er panisch zu Primo und bat ihn um Hilfe. Primo fuhr mit ihm mit der RhB in die Gegenrichtung bis nach Ospizio Bernina. Von dort fuhr er den immer noch panischen Reiseleiter mit seinem privaten Auto nach Tirano, wo sie den Bernina Express überholten. Der Reiseleiter war also Dank Primos Hilfe rechtzeitig mit seiner Gruppe in Tirano. Er war sehr dankbar und dies war auch Primos Fazit: Er erlebt immer wieder, dass seine Gäste dankbar sind, wenn er ihnen hilft. Oftmals wird den Gästen erst in einem Notfall bewusst, an welchem abgelegenen Ort sie sich gerade befinden.  

Apropos Notfall: Schon mehrere Male musste Primo die Rettungsflugwacht (Rega) rufen, weil es Unfälle gab und kein anderer Abtransport möglich war. Da war beispielsweise eine Frau, die nach einem Unfall stark blutete. Also rief Primo die Rega, um sie ins Spital zu fliegen. Der Helikopter konnte jedoch wegen dem starken Wind nicht landen. Also blieb nur noch die eine Möglichkeit, die Frau in den Zug zu verladen und eine Station bis Cavaglia zu transportieren. Dort konnte die Rega landen und flog sie ins Spital. Glücklicherweise war Primo 13 Jahre lang im Rettungsdienst und weiss, wie man mit solchen Unfällen umgeht, denn dies war nicht der einzige solcher Zwischenfälle. 

Urlaubsgeschichten und eine Nacht wie auf Wolken

«Wohin fährst du in den Urlaub?», fragte ich Primo. Er schmunzelte wieder. Er gehe nicht weit weg. Am liebsten sei er auf der Alp Grüm. Manchmal gehe er auf sein Maiensäss holzen. Aber auch in der Nebensaison, wenn er keine Gäste bewirtet, gäbe es viel zu tun: Neue Saison vorbereiten, die Speisekarte schreiben, Leergut entsorgen, putzen, Personal rekrutieren und vieles mehr. So ist Primo durch und durch mit dem Berninapass verwurzelt und ich denke, dies gefällt ihm auch genau so. 

Nach dem Interview schweifte mein Blick zum Palügletscher. Der Nebel hatte sich ein paar Sekunden gelichtet und lässt einen Blick auf den massiven Wasserfall zu. Wunderschön und irgendwie traurig zugleich. Wie lange wird der Gletscher noch zu sehen sein? Mein Tee hat mich etwas aufgewärmt und ich freute mich auf mein Zimmer. Wie werde ich hier - am Ende der Welt, wo um 19.46 Uhr der letzte Zug in die Zivilisation fährt - wohl schlafen? So viel sei gesagt: Ich schlief wie auf Wolken! 

Primos persönliche Ausflugstipps rund um die Alp Grüm:

1 Kommentare

Armin Rothenberger 21.09.2020

Guter Bericht, der bei mir Erinnerungen an Alp Grüm weckt. Vor 65 Jahren war ich während den Schulferien während zweier Sommer Portier etc. im Belvedere. Viele Geschichten könnte ich erzählen. Alp Grüm muss deshalb jedes Jahr unbedingt 1x besucht werden. Ein Verzicht auf den Besuch würde mir sehr schwer fallen.

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