2010 feierte die Rhätische Bahn das 100-jährige Bestehen der Berninalinie. Ein ganzes Jahr lang dauerten die Festivitäten, entlang von 61 Kilometern Bahn und in allen vier Jahreszeiten - vom Valposchiavo über die Valtellina bis ins Oberengadin. Die steilste Adhäsionsbahn in Europa erklimmt das Dach der RhB auf 2'253 Metern über Meer und trägt den Namen des höchsten Bündner Bergs, des Piz Bernina. Die Berninalinie hat seit der durchgehenden Inbetriebnahme 1910 nichts von ihrer Faszination eingebüsst. Im Gegenteil: Dank dem weltbekannten Bernina Express und der 2008 erlangten Auszeichnung als UNESCO Welterbe zählt sie heute zu den weltweit begehrtesten Bahnerlebnissen.
Strom bringt Bewegung ins Bahngeschäft
Schon die alten Säumer wussten: Die Bernina ist eine lebenswichtige Nord-Süd-Achse für den Transport von Waren und Verkehr. Die Postkutscher kämpften gegen die Unbill des wilden Wetters an der Bernina. Zu oft blieben sie im Winter stecken, zu gefährlich war die Fahrt über den Pass. Die ersten Pläne für eine Bahnverbindung zwischen dem Valposchiavo und dem Engadin gehen auf die letzten Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. «Rege, freundschaftliche und geschäftliche Beziehungen zwischen Graubünden und dem Veltlin riefen nach einem schnelleren und modernen Verkehrsmittel über den Berninapass…» berichtet die «Schweiz. Bauzeitung» in ihrer Ausgabe 1912. In der Tat: Die Fahrzeit der Pferdepost zwischen Samedan und Tirano betrug satte neun Stunden. Zeit ist Geld - schon damals. Mit dem technischen Fortschritt - sprich: der Entdeckung der elektrischen Traktionsenergie in Form der Eisenbahn - schlägt auch die Geburtsstunde der Berninalinie. Nicht Dampfrösser, sondern Elektro-Triebzüge sollten künftig das Dach der RhB überwinden. So steht das ambitiöse Projekt Berninalinie in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Bau der Kraftwerke Brusio (heute: Rätia Energie). Von 1904 bis 1907 baute dieses Pionierunternehmen Wasserkraftwerke im Valposchiavo. Die RhB sollte vom ersten Tag an mit erneuerbarer Energie aus dem Lago Bianco fahren. In der Konzession für die Berninalinie ist denn auch ausdrücklich die Bedingung formuliert, «die für den Betrieb der Berninabahn notwendige elektrische Energie zu günstigen Bedingungen zu liefern» (Schweiz. Bauzeitung 1912). Die totalen Baukosten wurden auf 12 Millionen Schweizer Franken veranschlagt. Dies entspricht einem Kilometerpreis von 200'000 Franken. Zu Beginn war der Betrieb in privaten Händen. Erst ab 1944 übernimmt die RhB das Zepter auf der ganzen Berninastrecke.
Sehenswürdiges in Szene setzen - auf «billigem und dennoch sicherem Tracé»
Wenn es die Berninalinie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Wobei sich realistischerweise heute kaum mehr Fürsprecher unter den Ingenieuren für ein solch komplexes Projekt mit identischer Linienführung finden liessen. Visionäre Vorfahren waren sich im Klaren: Die Berninabahn musste nebst der logistischen Erschliessung des Valposchiavo und der Valtellina mit dem Engadin und Nordbünden auch die touristische Komponente leisten. Dazu stellt die «Schweiz. Bauzeitung 1912» fest: «Es war Aufgabe des Projektes gewesen, ein billiges und dennoch sicheres Tracé zu suchen, das einerseits den Charakter der Touristenbahn dadurch fest zu halten hatte, dass es die mannigfaltigen Schönheiten der Gegend in möglichst günstiger Weise von der Bahn aus sichtbar machte». Bernina-Massiv, der Lago Bianco, der Palügletscher, die Steinmühlen von Cavaglia - sie alle reihen sich wie Perlen aneinander auf dem steilen Weg von Norden nach Süden, in nur zwei Stunden Reisezeit. Wohlgemerkt: Die ganze Strecke überwinden die RhB-Triebzüge ohne Zahnrad - rein dank klassischer Physik, der sogenannten Adhäsion. Der zu meisternde Höhenunterschied beträgt bis zu 1'824 Meter auf der Südseite. Scheitelpunkt ist mit 2'253 Metern über Meer Bernina Ospizio - zugleich Wasserscheide, Wetterscheide und Sprachgrenze.
Ausgezeichneter Ruf - weltweit anerkannt als UNESCO Welterbe
Die RhB ist damals wie heute eine Erlebnisbahn inmitten der hochalpinen Bündner Landschaft mit ihrem rauen Charme. Und so strömen jährlich weit über 700’000 Fahrgäste aus der ganzen Welt herbei, um eine Fahrt über die Berninalinie zu ihrem Repertoire zählen zu können. Das National Geographic Magazine hat die Berninalinie zu den zehn schönsten Bahnstrecken der Welt erkoren. 2008 findet die Berninalinie - zusammen mit der Albulalinie - Aufnahme in die UNESCO Welterbeliste, wo bisher nur drei Bahnstrecken auf dem Globus figurieren. Der Panoramazug Bernina Express entführt seit Jahrzehnten staunende Fahrgäste in rund vier Stunden von Chur nach Tirano durch drei Sprachregionen, über 196 Brücken und Viadukte und durch 55 Tunnels und Galerien - von den Gletschern zu den Palmen.
Japaner lernen von den Schweizern
Es war 1912, als ein Ingenieur namens Handa die Schweiz besucht. Er sucht im Auftrag der Hakone Tozan Railway (HTR) Vorbilder für die Trassierung einer Bahn im topografisch schwierigen Gebiet Hakone - einer beliebten touristischen Region im Süden Tokyos. Und er wird fündig: bei der RhB und ihrer Berninalinie. Das System der Adhäsionsbahn auf der Berninalinie überzeugt ihn auf Anhieb. So wird die Hakone-Linie nach demselben Prinzip der Berninabahn errichtet. Seit 1979 besteht zwischen der Berninalinie der Rhätischen Bahn und der HTR eine Schwesterbeziehung. Als äussere Zeichen der Verbundenheit findet der Fahrgast auf der Berninalinie die Anschrift der Bahnhofnamen St.Moritz, Alp Grüm und Tirano in japanischer Schrift. Seit 1991 trägt das RhB-Triebfahrzeug ABe 4/4 Nr. 54 die Bezeichnung «Hakone» - natürlich mit dem japanischen Nationalsymbol: der aufgehenden Sonne.
Ein Unikum: die einzige selbst fahrende Dampfschneeschleuder der Welt
Ursprünglich war die Berninalinie nicht für den Ganzjahresbetrieb konzipiert. Zu gross ist der Respekt vor der Natur auf dieser Hochgebirgsstrecke. Günstige Wetterverhältnisse im Winter 1909/10 machen es möglich, dass die bereits erstellte Strecke von St. Moritz bis zum Scheitelpunkt auf dem Ospizio Bernina trotz grossen Schneemengen offen bleibt. Deshalb schafft die Direktion - nachdem die Bahn 1910 bis Tirano fertig gebaut war - eine Schneeschleuder an. Bereits im Winter 1910/11 gelangt diese erstmals zum Einsatz. Mit dem technischen Wundermittel lassen sich erhebliche Kosten für die Schneeräumung einsparen. Mit dem Bau verschiedener Schutzbauten kann die Berninalinie bereits 1913 erstmals ganzjährig befahren werden. Noch heute steht die selbst betriebene Dampfschneeschleuder «Xrot d 9213» bei starken Schneefällen und für touristische Sonderfahrten im Einsatz - als einzige ihrer Art auf der Welt. Natürlich ist sie auch im Jubiläumsjahr auf Achse - am 30. Januar und 27. Februar 2010 lässt die Xrot tüchtig Dampf ab.